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Zeitlose "Entfeindungs-Dichtung"

Vor 100 Jahren veröffentlichte Hermann Hesse das Buch "Siddharta" - Vortrag des Präsidenten der internationalen Hermann-Hesse-Gesellschaft in der Markuskirche in Herzogenrath

Ein „Kultbuch“ feiert Geburtstag. Vor 100 Jahren veröffentlichte Hermann Hesse seine indische Dichtung "Siddharta", die auf viele junge Erwachsene in der Zeit der 68er-Bewegung eine große Faszination ausübte. Es ist die Suche des Titelhelden nach Erleuchtung, nach seinem eigenen spirituellen Weg, die bis heute aktuell geblieben ist.

Im Rahmen der Reihe „Kultur und Spiritualität in Herzogenrath“ (KuS) hatte Pfarrer Joachim Leberecht mit Karl-Josef Kuschel, emeritierter Professor am ökumenischen Institut der Universität Tübingen, einen Fachmann für das Verhältnis von Theologie und Literatur für einen Vortrag zu "Siddharta" in der Markuskirche gewinnen können. Kuschel, derzeit Präsident der internationalen Hermann-Hesse-Gesellschaft, zeichnete darin die Suche Siddhartas nach und setzte sie in Beziehung zu den Umständen der Entstehung von Hesses Werk.

Den eigenen Weg finden

Entstanden ist es in einer für den Schriftsteller schwierigen Zeit. Seine Ehe war durch die psychische Erkrankung seiner Frau belastet und wurde für Hesse immer schwerer zu leben, so dass er sich schließlich (mit einem ihn lebenslang belastenden schlechten Gewissen) gegen die Familie und für die Kunst entschied. Der Erste Weltkrieg und die Auseinandersetzung damit stürzten ihn zusätzlich in eine schwere Lebenskrise. Er zog sich schließlich 1919 ins Tessin zurück, wo er in einer kleinen Wohnung, in der „Casa Camuzzi“ oberhalb des Luganer Sees, lebte. Hier entstand auch „Siddharta. Eine indische Dichtung“.

Angesiedelt ist sie in einem erfundenen Indien, einer „indischen Kulisse, die transparent werden soll für eigene Konflikte“, so Karl-Josef Kuschel. Vieles, was Hesse im ersten Teil seines Romans verarbeitet, die Geborgenheit im Elternhaus, der Durst nach Wissen, die Suche nach dem eigenen Weg und der Erleuchtung unter anderem in der Askese, hat er selbst erlebt. Auch hat er sich mit dem Buddhismus und der Forschung dazu in seiner Zeit beschäftigt. Sein Held sucht, aber findet nicht. Zwar ist er voller Ehrfurcht vor Buddha Gaudama, der seine Erleuchtung und sein Inneres gefunden hat, doch empfindet er dessen Lehre als fremd und leer. „Die Lehre eines anderen kann den eigenen Weg nicht ersetzen“, fasst Kuschel es in seinem Vortrag zusammen.

Universelle Botschaft

Nicht nur seine Hauptfigur, auch sein ganzer Roman und Hesse selbst steckten an diesem Punkt in der Krise, führt er aus. Mehr als anderthalb Jahre dauert es, ehe der Schriftsteller die Arbeit an „Siddharta“ nach einer Unterbrechung wieder aufnahm. Der Held versucht es nach dem „Weltverzicht“ mit dem „Weltgenuss“ - und scheitert auch hier. In der Mitte der Dichtung kehrt er zurück an den Fluss, den er bei seiner Suche einst überquerte und dieser wird zum einzigen Lehrer, dessen Lehren er bereit ist anzuerkennen. Der Fluss sei Symbol für Gleichzeitigkeit, die Erkenntnis, dass es keine Zeit gibt und für die Alleinheit des Seins. „Der Fluss ist die Stimme des Lebens.“ Die Schlüsselerkenntnis Siddhartas und des Buches beschreibt Hesse so: „Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht.“ Siddharta findet die seine in der Liebe zur Welt und der Erkenntnis der Gleichzeitigkeit von allem in allem.
Die Botschaft des Buches sei universell, so Karl-Josef Kuschel, und gehöre keiner Religion allein. Sie sei lediglich eine Zuneigung zum Christentum, nicht mehr und nicht weniger. Jeder habe einen Weg zum Göttlichen, aber jeder einen anderen.

Im anschließenden Austausch mit Professor Kuschel zieht einer der Zuhörer die Querverbindung zur heutigen Zeit. Wie in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts lebten auch wir in einer Zeit des Dualismus, in der jeder selbst seine Wahrheit finden müsse. Hesses Werk sei eine „Entfeindungs-Dichtung“, erklärt Kuschel. Alles könne sich wandeln. Der „schreckliche Dualismus“, der durch den Ukrainekrieg entstanden sei, müsse überwunden werden. Dazu sei „Siddharta“ kein Rezept, aber das Buch lege Grundlagen und erinnere daran, dass es unsere Aufgabe ist, diese Gegensätze zu überwinden.

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