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Ein Zeichen, das bis Lampedusa reicht

Zum vierten Mal Gottesdienst zum Gedenken an auf der Flucht Gestorbene - Augenmerk auf Kriminalisierung der privaten Seenotrettung - Superintendent hält Fürbitte

Über 70 Millionen Menschen, so viele wie noch nie, sind weltweit auf der Flucht. Sie fliehen vor Krieg, Terror und Hunger. Viele sterben auf den Reisen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wie zuletzt ein Vater mit seiner kleinen Tochter, die in einem Fluss an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze ertranken. Das Bild, das jetzt um die Welt geht, erschüttert viele. Doch es wird nicht mehr lange dauern, bis es aus den Köpfen der Menschen wieder verschwindet, bis eine neue Nachricht diese Nachricht ablöst.

Augenmerk auf Kriminalisierung der privaten Seenotrettung

Seit vier Jahren möchten der ökumenische Arbeitskreis Bestattungen und die Gemeinschaft Sant’Egidio mit einer Gedenkfeier für Menschen, die auf der Flucht gestorben sind, in der Aachener Grabeskirche St. Josef im Ost-Viertel diesem Vergessen entgegenwirken. Einmal im Jahr, zum Tag des Flüchtlings, versuchen sie, die Menschen hinter den Zahlen sichtbar zu machen. Jede Gedenkfeier steht unter einem eigenen Schwerpunkt. In diesem Jahr lenkte die Vorbereitungsgruppe das Augenmerk auf die Kriminalisierung der privaten Seenotrettung. Eine Installation, inspiriert durch ein inklusives Kunstprojekt der Gemeinschaft in Rom, zeigte die Beziehungen der Menschen, die als Vater, Sohn, Schwester oder Mutter die Reise über das Mittelmeer wagen. Davor deuteten umgekippte Papierschiffe die verunglückten Boote an. Yasmin Raimundo, aus der GdG Aachen Ost/Eilendorf, las einen fiktiven Brief eines Vaters an seinen Sohn aus Khaled Hosseinis Buch „Am Abend vor dem Meer“ vor.

Evangelische Gemeinden setzen sich mit Partnern für sichere Fluchtkorridore ein

Später stellte sie einen Bezug zu der Geschichte des kleinen Alan Kurdi her, der 2015 im Mittelmeer ertrank. Auch dieses Bild ging damals um die Welt. Im Februar dieses Jahres taufte sein Vater, der inzwischen im Irak lebt, ein Seenotrettungsschiff der Organisation „Sea-Eye“ auf den Namen seines Sohnes. Der Familienvater verlor auf der Flucht seine Frau und seine beiden Söhne. Die Familie hatte in Kanada einen Asylantrag gestellt, weil die Schwester des Familienvaters dort lebte. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Familie wagte die riskante Flucht über das Meer.

 Die Geschichte unterstreiche, wie wichtig sichere Fluchtkorridore seien, für die sich Sant’Egidio seit vielen Jahren in Kooperation mit den evangelischen Gemeinden und den Waldensern einsetze, sagte Yasmin Raimundo. Die Gemeinschaft nutzt dafür eine Klausel im europäischen Recht, die besagt, dass jeder europäische Staat unbegrenzt humanitäre Visa für schutzbedürftige Menschen ausstellen darf. Über 2500 Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten konnten bisher über diese Visa sicher nach Europa einreisen. 600 weitere Visa seien ausgestellt worden.

Gedenkfeier mit großer Aktualität

Wie aktuell das Thema der Gedenkfeier sein würde, konnte niemand absehen, doch die aktuellen Neuigkeiten bewiesen, wie sehr gute und schlechte Nachrichten beieinanderliegen. Denn zuletzt sind 42 Menschen mit Hilfe dieser Visa in Rom eingetroffen, vier Familien wurden in Frankreich aufgenommen. Zur gleichen Zeit irrt die „Sea-Watch III“ mit 42 Menschen an Bord auf dem Mittelmeer umher, weil die italienischen Behörden dem Schiff nicht erlauben, einen Hafen anzulaufen. Gegen den Beschluss von Innenminister Mateo Salvini steuert die Kapitänin Lampedusa an, dort liegt das Schiff zurzeit vor dem Hafen vor Anker. Eine Anlegeerlaubnis gibt es bisher nicht, obwohl einige Länder zugesagt haben, die Menschen aufzunehmen.

Ein Zeichen der Solidarität in Aachen

Auch Kerstin Birke von der Gemeinschaft Sant’Egidio ist hin- und hergerissen bei diesen Nachrichten. Umso wichtiger findet sie die Gedenkfeier in Aachen. „Sie lässt innehalten. Ich schöpfe Kraft daraus und hoffe, dass auch die Menschen, die heute hier waren, etwas daraus mitnehmen.“ Pfarrerin Bettina Donath-Kreß hofft, das Thema auf diese Weise wachzuhalten und darauf, mit der Gedenkfeier ein Zeichen der Solidarität zu setzen, nicht zuletzt für die deutsche Kapitänin der Sea-Watch III, Carola Rackete, die mit dem Ansteuern eines italienischen Hafens eine Anklage wegen Menschenhandels riskiert. Der Beschluss des Evangelischen Kirchentags, dass Kirchen ein eigenes Seenotrettungsschiff unterhalten wollen, komme zur richtigen Zeit.

Superintendent Bruckhoff begrüßt Beschluss der EKD zur Seenotsrettung

Auch Superintendent Hans-Peter Bruckhoff findet diesen Beschluss richtig: „Die Rheinische Landeskirche hatte bereits zu Beginn des Jahres bei ihrer Jugendsynode beschlossen, konkrete Maßnahmen zur Seenotrettung zu unterstützen. Es macht Sinn, dass das Thema nicht nur von einer Landeskirche, sondern von der EKD aufgegriffen wird. Damit wird auch das Wort Jesu „Ich mache euch zu Menschenfischern“ aktualisiert.“

Für die katholische Kirche in Aachen wirkte der emeritierte Dompropst Manfred von Holtum mit. In seiner Predigt griff von Holtum den Brief von Papst Franziskus auf, in dem das Oberhaupt der katholischen Kirche die europäischen Länder für die Kriminalisierung der Seenotrettung kritisierte. „Auch im 21. Jahrhundert trifft es zu, dass auch diese Zeit reich an Rekorden, aber auch reich an Elend ist“, sagte er. Auf die Frage, was Gott von uns Christen in dieser Zeit erwarte, riet er, den Blick auf die Lebensgeschichte Jesu zu richten. Zeit seines Lebens war er unterwegs. „Auch Christen wissen, dass sie unterwegs, dass sie selbst Fremde und Gäste auf dieser Erde sind. Darum dürfen wir den Fremden nicht abweisen, er trägt die Züge Christi.“

Bruckhoff beklagt in Fürbitte Unfähigkeit Europas

Superintendent Bruckhoff hielt die Fürbitten. In ihnen bat er darum, dass Gottes Geist unter den Menschen sein möge, die sich hassen und verachten: „Wir klagen die Unfähigkeit Europas an, eine Botschaft des Friedens auszusenden. Wir verstehen nicht, warum wir Menschen einander so quälen und im Stich lassen.“

Zum Schluss stellten Besucher der Gedenkfeier Lichter am Fluss des Lebens, der durch die Grabeskirche fließt, ab, um an die Verstorbenen zu erinnern. Diakon Kaes Simhere aus Mönchengladbach betete das Vaterunser auf Aramäisch, bevor die Gemeinschaft es noch einmal in deutscher Sprache betete. Zum Abschluss sprachen alle das Gebet der Vereinten Nationen. Der Misereor-Chor unter der Leitung von Albert Breuer, wirkte zum ersten Mal mit und gab der Gedenkfeier einen musikalischen Rahmen.

(Text: Kathrin Albrecht)

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