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"Fotographische Impressionen vom Alltag in Fukushima nach der Atomkatastrophe"

Vortrag mit Fotodokumentation am Mittwoch, 9. April, um 19 Uhr - Veranstaltung des Ev. Erwachsenenbildungswerks in Zusammenarbeit mit Greenpeace

In Zusammenarbeit mit Greenpeace Aachen veranstaltet das Evangelische Erwachsenenbildungswerk die Fotodokumentation mit Vortrag "Fotographische Impressionen vom Alltag in Fukushima nach der Atomkatastrophe" des Foto- und Reisejournalisten Alexander Neureuter. Der Vortrag findet statt

am Mittwoch, 9. April, um 19 Uhr,

im Haus der Evangelischen Kirche, Frère-Roger-Straße 8-10, in Aachen.

Drei Jahre nach dem Reaktorunfall von Fukushima spricht Alexander Neureuter in seinem Vortrag darüber, wie sich Leben und Alltag in Japan verändert haben und fragt, ab wann die Risiken einer Technologie gesellschaftlich, ökonomisch und ethisch untragbar werden.

Die Teilnahme an dieser Veranstaltung ist kostenlos.

Schulkinder in kurzen Hosen laufen ahnungslos an verstrahlten Orten herum

Seine Erlebnisse und Überlegungen fasst Neureuter so zusammen:

 

"Drei Wochen habe ich im Mai 2013 in Japan verbracht. Über 4.000 Kilometer bin ich durch das Land gereist und habe mehr als 17.000 Fotos machen können, um die beiden großen Atomkatastrophen des Landes – die Atombombe und die Fukushima-Kernschmelzen – zu begreifen. 87 Interviews mit Betroffenen, deren Leben durch die Atomkatastrophe von Fukushima dauerhaft verändert wurde, habe ich geführt.

Und eine zentrale Erkenntnis habe ich mitgebracht: In Fukushima läuft seit März 2011 der größte jemals unternommene Versuch zur Auswirkung radioaktiver Strahlung auf Menschen.

1,6 Millionen Menschen, darunter 360.000 Kinder, leben in der Präfektur von Fukushima – häufig ahnungslos – in teilweise so stark kontaminierten Gebieten, dass sie in Tschernobyl für unbewohnbar erklärt und evakuiert worden wären. Und all das geschieht mit Wissen und Unterstützung der Regierung, der WHO und der IAEA.

Zentrale Erkenntnisse meiner Recherchen sind:

...Ein Überlebender der Atombombe und bekannter Strahlenarzt beklagt, dass die jungen Ärzte vollkommen unkritisch an die von der Regierung propagierte Ungefährlichkeit der in Fukushima freigesetzten Strahlung glauben.

In der energiehungrigen Metropole Tokio scheinen die Lichter nicht auszugehen – auch wenn von den verbleibenden 50 Atomkraftwerken momentan nur zwei laufen. Nach Meinung der Hauptstädter ist Fukushima weit, weit weg und die vier durchgebrannten Atomreaktoren unter Kontrolle.

Nicht nur im ländlichen Bereich sondern auch in den großen Städten der Präfektur Fukushima ist die Kontamination auf den Straßen und in den Parks und Gärten weiterhin hoch: Das Abkratzen der oberen 15 Zentimeter Bodenschicht hat die Strahlung nur kurzfristig absenken können – Wind und Wetter bringen neuen Fallout von den Hügeln und Wäldern in die Städte.

Die verantwortlichen Bürokraten, Politiker und TEPCO-Manager haben das Ausmaß der radioaktiven Kontamination weit unterschätzt, nur unzureichende Strahlenmessungen vorgenommen und reagieren nur im Schneckentempo auf die sich immer deutlicher abzeichnenden technischen Herausforderungen der dringend erforderlichen Dekontaminationsarbeiten.

Alle 37 von mir überprüften amtlichen Messgeräte (insgesamt sind 3.141 stationäre, offizielle Messgeräte aufgestellt) nehmen es mit den Strahlenwerten nicht so ganz genau und zeigen allesamt nur etwa die Hälfte der von meinem geeichten Messgerät festgestellten Strahlenwerte an. 

Am Straßenrand eines belebten Schulwegs in der Stadt Koriyama messe ich 14,88 Mikrosievert pro Stunde, vor dem Unfall gab es hier 0,04 Mikrosievert pro Stunde. In Deutschland würde man an einem so hoch verstrahlten Ort einen Strahlenschutzanzug und Atemmaske tragen, hier laufen die ahnungslosen Kinder in kurzen Hosen und T-Shirts vorbei. 

Scheinbar planlos wird das abgetragene, kontaminierte Erdreich in riesigen Plastiksäcken – sogenannten Big Bags – an über 5.000 Waldrändern und in einsamen Tälern zwischengelagert. Es gibt keinen Plan, wie die Regierung mit diesem strahlenden Erdreich umzugehen gedenkt.

In allen großen Müllverbrennungsanlagen des Landes werden in aller Verschwiegenheit die radioaktiven Trümmer aus Fukushima verbrannt. Ohne besondere Filter, ohne besondere Instruktionen der Mitarbeiter. Die strahlenden Verbrennungsrückstände werden anschließend auf normalen Deponien entsorgt.

Die Lebensmittel werden weiterhin nur stichprobenartig radiologisch untersucht und immer mehr kontaminierter Fisch, belasteter Reis und verstrahltes Gemüse landen auf dem Tisch des arglosen Verbrauchers. Häufig sind die Herkunftsetiketten gefälscht oder die Lebensmittel solange gemischt, bis sie die Grenzwerte knapp unterschreiten.

Ein Krankenpfleger, der sich von Januar bis Dezember 2012 in der Atomruine von Fukushima um die verletzten Arbeiter gekümmert hat, berichtet davon, wie Menschen unvertretbar hohen Strahlungen ausgesetzt wurden und unter unmenschlichen Bedingungen bis zur totalen Erschöpfung arbeiten mussten.

Eine Pressekonferenz von TEPCO gerät zur Vorlesestunde und zum Monolog: Anstatt ein Gespräch mit den Journalisten zu suchen, liest der Pressesprecher gebetsmühlenartig endlose Zahlenkolonnen mit den neuesten Strahlungs-, Temperatur- und Druckwerten herunter - ohne die Presse über deren wirkliche Bedeutung zu informieren.

An allen Gebäuden der Behörden in der Präfektur Fukushima hängen Plakate und Banner, die die Bürger zum Bleiben und zum Durchhalten in der verstrahlten Umwelt motivieren sollen. Einige der Slogans wie „Fight for Fukushima“ erinnern mit an alte DDR-Parolen, mit denen damals die Bevölkerung zum Durchhalten ermuntert wurde.

Das amtliche Schilddrüsen-Untersuchungsprogramm will alle 300.000 Kinder der Präfektur Fukushima auf Anomalien untersuchen lassen. Pro Kind haben die untersuchenden Ärzte nur 1-2 Minuten Zeit für die Ultraschall-Untersuchung – und übersehen dabei naturgemäß viele Auffälligkeiten.

Wegen der hohen Strahlenwerte wurden der Schulsport und das Spielen im Freien für viele Kinder auf maximal 30 Minuten pro Tag eingeschränkt. Eine erste Folge ist das steigende Körpergewicht der Kinder in der Präfektur Fukushima."

Ansprechpartner:innen

Heike Keßler-Wiertz

Vorständin

Geschäftsstelle
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Pfarrer Erik Schumacher

Sprecher des Vorstandes

0241 / 56 52 82 90