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Hromadka bietet jungen Flüchtlingen Hoffnung und Zuhause

Stolberg-Zweifall. Auf dem Tisch im Gemeinschaftsraum liegt ein Blatt Papier. Daneben stehen Wasserfarben und ein Glas mit Pinseln. In großen bunten Buchstaben hat Ali seinen Namen gemalt. Ali heißt in Wirklichkeit anders. Um unerkannt zu bleiben, hat er sich für diesen Namen entschieden. Er ist einer der ersten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen die jetzt im Hromadka-Haus wohnen.


Zuhause für 21 Jugendliche in Zweifall

Container, Turnhallen und Hotels, das sind die Orte an denen junge Flüchtlinge, die in Deutschland aufgegriffen werden, oft untergebracht sind. Jetzt bieten Udo Wilschewski, Einrichtungsleiter beim Zentrum für soziale Arbeit (ZfsA), und seine Frau Cornelia im Hromadka-Haus in Zweifall ein Zuhause für 21 Jugendliche. Acht sind bereits eingezogen. Ein Neunter, der die Regelgruppe vollständig machen soll, wird diese Woche einziehen.

Zwei weitere Gruppen kommen bald hinzu: Sieben Jugendliche werden in einer „Clearinggruppe“ untergebracht, sie sind dann erst wenige Tage in Deutschland, haben noch keine Asylanträge gestellt und noch nicht die obligatorischen ärztlichen Untersuchung hinter sich gebracht. Fünf weitere bilden eine „Verselbstständigungsgruppe“, für Jugendliche ab 18 Jahre.

Eine „Seelen-Beziehung“

Gilbert Vermeulen arbeitet für das ZfsA und ist Teamleiter in dem neuen Wohnheim. Dass er mit dem Hromadka-Haus geradezu den Jackpot gezogen hat, ist ihm durchaus bewusst: „Wir haben so viel Platz!“ Und der wird bis auf den letzten Millimeter genutzt.

Fast zwei Drittel des Gebäudes sind noch nicht fertig ausgebaut. Wo die „Clearinggruppe“ einziehen soll, werden noch Böden gelegt, und auch die Räume für die Verselbstständigungsgruppe müssen noch gestrichen werden. Nur in dem Teil, in dem Ali wohnt, sind die Zimmer vollständig renoviert und eingerichtet. Im oberen Stockwerk gibt es Sofas, einen Fernseher und einen Computer. Im Keller soll ein Werk- und Musikraum entstehen und im hinteren Bereich „ein richtiger Sportraum“, sagt Vermeulen, „in den Garten soll ein Fußballfeld.“ In Anbetracht der Möglichkeiten sprüht der Teamleiter nur so vor Elan.

Ali hat die Hände im Schoß gefaltet. Er freut sich vor allem, dass er jetzt ein Zimmer hat, in dem er bleiben darf. Ein wenig nach vorne gebeugt sitzt er am Tisch, seinen Kopf leicht schräg zu Seite geneigt. Schüchtern aber wach und sehr aufmerksam blickt er in die Runde. Knapp fünf Monate war er unterwegs, bis er in Deutschland aufgegriffen wurde. Sechs Monate hat der junge Afghane dann in Aachen im Hotel gewohnt und „hauptsächlich geschlafen“. Um das Kopfkino auszuschalten, das mit der Unsicherheit über die Zukunft und den Erinnerungen an das Erlebte einhergeht. Vor allem wenn es nichts zu tun gibt. Und: „Es gab keine Schule!“

„Die Jugendlichen sind oft so motiviert, dass wir sie ein wenig bremsen müssen“, sagt Vermeulen. Die Bearbeitungszeit in den Behörden ist für die engagierten Neuankömmlinge oft ein Dorn im Auge. Sie zeigten zwar Verständnis, sagt der Teamleiter, „aber die langen Wartezeiten zu akzeptieren, fällt ihnen doch schwer.“ Von 9 bis etwa 15.30 Uhr werden die frischgebackenen Zweifaller im Hromadka-Haus unterrichtet. Ab September dürfen sie dann auch in die normale Schule. Bis dahin ist Najmadin Ahmad für den hausinternen „Kommunikationsunterricht“ verantwortlich. „Heute haben wir deutsche Tischmanieren besprochen.“ Es geht nicht nur um Sprache, es geht auch um Kultur.

„Sie lernen überraschend schnell“, sagt der Lehrer, der Persisch, Kurdisch, Arabisch, Türkisch und Aserbaidschanisch spricht. Aber nicht allein wegen der Sprache versteht er sich gut mit den Jugendlichen. 1996 ist Ahmad, im Alter von 40 Jahren zwar, aber auch als Flüchtling, nach Deutschland gekommen und musste selbst ein ähnliches Verfahren durchlaufen, wie die Jugendlichen heute. „In dieser Hinsicht haben wir eine Seelen-Beziehung“, sagt er.

In den vergangenen zweieinhalb Monaten haben die Sozialpädagogen kräftig mit angepackt, Tische und Stühle zusammengeschraubt, Löcher in die Wände gebohrt und immer wieder Putz und Staub beseitigt. Außerdem wurden sie geschult, um, insofern das möglich ist, auf die speziellen Anforderungen vorbereitet zu sein. Jetzt, da der erste Gebäudeteil bewohnt wird, fängt die Arbeit für Vermeulen und seine neun Mitarbeiter erst richtig an: „Wir lernen die Jugendlichen gerade kennen.“ Neuland, für alle Beteiligten.

Mit Händen und Füßen

Ein bisschen auf Deutsch, auf Englisch, mit Zeichnungen, mit Händen und Füßen – so unterhält man sich seit letzter Woche im Hromadka-Haus. Soweit es geht, versucht Ali zu verstehen und auch auf Deutsch zu antworten. Im Hotel in Aachen hat er einen Freund gefunden, der wohnt jetzt auch in dem Haus an der Apfelhofstraße, sitzt mit am Tisch und lauscht neugierig.

Einmal in der Woche dürfen die Jugendlichen in ihrer Heimat anrufen. Zehn Minuten haben sie für das wöchentliche Telefonat. „Eine Kostenfrage“, sagt Vermeueln, „besonders nach Syrien ist es auch mit der Verbindung nicht so einfach.“ Im Ausnahmefall, wenn es wichtig ist, dann darf das Telefonat auch etwas länger dauern. Die Heimat. Bis jetzt ist sie Afghanistan, Somalia, Sudan, Guinea und Syrien.
Ein Raum für alle Religionen

Ganz wichtig ist der Computer, der im ersten Stock der Wohngruppe steht. „Die Jungs verfolgen hier die Nachrichten aus ihrer Heimat“, sagt Vermeulen. An den Gemeinschaftsraum sind noch zwei weitere Räume angeschlossen. Der eine wird ein Ruheraum, der andere ein Gebetsraum. „Für alle Religionen“, fügt der Teamleiter hinzu, „es sind nicht nur Muslime, die hier ankommen. Auch Buddhisten und Anhänger anderer Religionen.“

Interreligiös und interkulturell ist das Hromadka-Haus. Hoffnung und Perspektive soll hier geboten werden. Vermeulen und sein Team können es kaum erwarten, dass alle Zimmer bewohnt und belebt werden – den Zweifaller Bürgern scheint es ähnlich zu gehen: „Die Reaktionen der Nachbarn sind super“, sagt Vermeulen. Es seien bereits viele Anfragen für ehrenamtliche Mitarbeit eingegangen und eine Jugendgruppe habe die jungen Flüchtlinge zum Fußballspielen eingeladen.

Wenn das Bild mit seinem richtigen Namen fertig ist, will Ali es an seine Zimmertür hängen. So, wie auch seine neuen Mitbewohner farbige Namensschilder an die Türen ihrer Zimmer gehängt haben. Neun Räume mit knapp zehn Quadratmetern gibt es in der Regelgruppe. Neun gleiche Modelle von Bett, Schrank und Schreibtisch – und bald neun ganz unterschiedliche Namensschilder.

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Das Haus für Flüchtlinge wurde von Cornelia und Udo Wilschewski vom Zentrum für soziale Arbeit (ZsfA) in Aachen-Burtscheid in der Trägerschaft des Evangelischen Frauenvereins Aachen gepachtet.

Wer sich ehrenamtlich engagieren möchte, kann sich bei Teamleiter Gilbert Vermeulen melden unter Telefon 0151/62508530. Für September ist ein Tag der offenen Tür geplant. Bis dahin sollen alle Gruppen vollständig sein. Weitere Infos gibt es <link http: www.zfsa.de external-link-new-window external link in new>hier im Netz.

(Naima Wolfsperger, Stolberger Nachrichten, 22.06.2015)

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