Welche Maßnahmen planen Sie, um diesen Herausforderungen zu begegnen?
Heike Keßler-Wiertz Akut geht es erstmal darum, unsere permanente Lobbyarbeit zu verstärken. Demonstrationen, Mahnwachen: Dahinter steckt eine Haltung. Wir verstehen uns als Anwälte für die Menschen, die das nicht selbst können. Wir wollen ihnen eine Stimme geben und wir wollen politischen Druck ausüben.
Gleichzeitig müssen wir natürlich die drohende Situation vorbereiten. Und das bedeutet: Wir müssen kritisch die Verwendung der Mittel auf ihre Effizienz prüfen und klären, wie wir das Geld am sinnvollsten nutzen. Außerdem müssen wir als Wohlfahrtsverbände stärker zusammenrücken. Wir haben alle die gleichen Herausforderungen: Mit immer weniger personellen und finanziellen Mitteln immer komplexere Aufgaben zu bewältigen. Und wir alle sprechen für die Menschen, die unsere Unterstützung brauchen.
Aber auch vor Ort müssen wir stärker kooperieren, zum Beispiel bei den Angeboten, die wir machen. Ich glaube auch, dass wir als Wohlfahrtsverbände stärker mit der freien Wirtschaft kooperieren sollten. Es gibt schon gute Beispiele, wo das funktioniert: Beim "Social Day" in Aachen zum Beispiel sind Arbeitgeber auf Zuwanderer getroffen, die sie mit offenen Armen angestellt haben.
Und was erwarten Sie von der Politik und auch von den Kommunen in dieser Situation?
Heike Keßler-Wiertz Der Bürokratismus und der Formalismus in unseren Behörden binden viel Zeit und Ressourcen, die wir an anderer Stelle dringend brauchen könnten. Wir übernehmen viele Pflichtaufgaben des Staates und brauchen eine Veränderung der Verwaltungsstrukturen. Dazu gehört auch endlich die Umsetzung des Online-Zugangs-Gesetzes, also der behördlichen Digitalisierung.
Auch beim Thema Wohnraum sollten wir kreative Ideen wagen und die Leerstände in den Städten unter die Lupe nehmen – auch die Leerstände in kirchlichen Gebäuden. Und ich verstehe nicht, warum wir uns in Deutschland so schwer damit tun, das Ehrenamt steuerlich zu fördern. Es gibt so viele Menschen, die sich einbringen wollen. Und wir brauchen Gespräche auf Augenhöhe. Denn bisher erleben wir uns als Sozialwirtschaft immer als Bittsteller. Dabei erfüllen wir im Grunde den Auftrag, den uns Politik und Verwaltung überhaupt erst gegeben haben.
Welche Rolle kann das Ehrenamt jetzt spielen?
Heike Keßler-Wiertz Vor allem in Krisenzeiten fängt das Ehrenamt viel auf. Das haben wir zum Beispiel bei Initiativen zum Thema Syrien und Ukraine gemerkt. Schnell und konsequent sind Angebote geschaffen worden, als sie gebraucht wurden. Und auch volkswirtschaftlich ist es ein unglaublicher Beitrag, den man in Geldwert nicht unterschätzen darf. Das Ehrenamt bleibt in der sozialen Infrastruktur eine wunderbare Ergänzung. Aber es braucht professionelle Begleitung. Und von den Kürzungen ist zum Beispiel auch der Freiwilligendienst betroffen.
Was wünschen Sie sich in diesen Zeiten von der Gesellschaft?
Heike Keßler-Wiertz Jetzt ist jeder Einzelne gefordert. Situationen, die uns Angst machen, führen entweder dazu, dass wir uns resigniert oder deprimiert zurückziehen oder dass wir uns nach unserem eigenen möglichen Beitrag fragen. Dazu möchte ich ermutigen: Was können wir positiv dagegen halten? Wir müssen ein soziales Ungleichgewicht verhindern. Dafür brauchen wir auch kreative Lösungen, es gibt keine pauschalen Antworten. Wir alle sind Gesellschaft. Und wir sollten zusammenarbeiten. Alle Akteure – auch Politik und Verwaltung.
Theresa Demski führte das Gespräch.