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„Propaganda statt Geschichtswissenschaft“

Journalist Yaron kritisiert Nakba-Ausstellung scharf

Dass das Publikum bei seinem Vortrag über das ernste Thema Nahost-Konflikt nicht nur lachen dürfe, ja sogar lachen müsse, hat Gil Yaron einmal in einem Zeitungsartikel gesagt. Der israelische Journalist ist bekannt dafür, pointiert und mit knackigen Begriffen über den israelisch-palästinensischen Konflikt zu referieren, zwar mit gezielter Provokation, aber auch mit Humor. Doch an diesem Donnerstagabend im Haus der Evangelischen Kirche in Aachen ist es Yaron ernst. Nicht den angekündigten Vortrag mit dem Titel „Der israelisch-palästinensische Konflikt“ aus seinem üblichen Repertoire hält Yaron, sondern er seziert Punkt für Punkt die Tafeln der Nakba-Ausstellung, widerspricht dort zu lesenden Behauptungen, zeigt auf der Leinwand statistische Tabellen und Grafiken, die seine Ansicht unterstreichen. „Es ist nicht mein Ziel, das subjektiv erfahrene Leid der Palästinenser infrage zu stellen“, so Yarons Fazit. „Aber jede Münze hat zwei Seiten, und beide Seiten zu beachten, das ist der Unterschied zwischen Geschichtswissenschaft und Propaganda.“

Vortrag zeigt Perspektive der Juden auf die geschichtlichen Ereignisse

In seinem Vortrag geht der in Israel geborene und in Deutschland aufgewachsene Nahost-Korrespondent zahlreicher deutscher Medien unter anderem auf die Plausibilität unterschiedlicher Schätzungen zu Flüchtlingszahlen ein, beleuchtet die Verwicklung palästinensischer Führer in den Zweiten Weltkrieg und spricht über Massaker, die Palästinenser und Einwohner anderer arabischer Länder an Juden verübten. 1948 hätten Palästinenser 52 von 53 Synagogen in der Altstadt von Jerusalem gesprengt. Diskriminierung sei eine alltägliche Erfahrung der Juden gewesen, die sich später zu Progromen und Massakern ausweitete, sagt Yaron und fragt die Zuhörer, ob es verwunderlich sei, dass die Juden unter diesen Umständen nicht in einem palästinensischen Staat hätten leben wollen: „Und, wie ist es denn mit Ihnen? Würden Sie heute unter einem arabischen Regime leben wollen?“

Wunsch nach gerechter Lösung ein „Trugschluss“

Auch auf das Rückkehrrecht der Palästinenser nach Israel, das er den „zentralen Mythos der palästinensischen Gesellschaft bis heute“ nennt, geht Yaron ein. Israel habe nichts gegen die Rückkehr der Flüchtlinge, sagt er, jedoch nicht nach Israel, sondern in einen Palästinenserstaat. Eine Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge in ihre damaligen Wohnorte stelle den Staat Israel infrage, so wie auch die Anführungszeichen auf den Ausstellungstafeln den „‘Jüdischen‘ Staat“ infrage stellten. Diese Infragestellung bezeichnet er als seinen Hauptkritikpunkt der Ausstellung. „Der Wunsch nach einer gerechten Lösung des Konflikts ist ein Trugschluss“, so Yaron, „denn beide Seiten haben recht. Eine Seite aber als Unschuldslamm darzustellen und die andere als Mörder, wie es die Ausstellung tut, ist Propaganda.“

Bruckhoff: „Müssen uns selbst ein Bild von der Geschichte machen“

Nach Ende des Vortrags äußerte die Aachener Bürgermeisterin Hilde Scheidt, was wohl viele der rund 60 Zuhörer bei Yarons Ausführungen dachten: „Ich habe sowohl die Nakba-Ausstellung als auch Ihren Vortrag heute als sehr bedrückend empfunden. Ich bin froh, dass Sie uns heute Ihre Sicht vorgetragen haben, aber ich fühle auch eine Überforderung mit diesem großen Thema.“ Der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Aachen, Hans-Peter Bruckhoff, ging sowohl auf Yarons Kritik an der Ausstellung ein als auch auf seine Kritik daran, dass die Evangelische Kirche die Ausstellung überhaupt in ihren Räumen zeigte. „Viele Besucher haben sich durchaus kritisch und nachdenklich mit der Ausstellung auseinandergesetzt, darunter auch mehrere Schülergruppen“, sagte Bruckhoff. „Auch wir als Kirche haben wesentliche Anfragen an die Ausstellung gestellt und klargemacht, dass sie kein abschließender Blick auf die Geschichte sein kann, sondern nur eine Eröffnung der Diskussion.“ Es sei dennoch wichtig, die Palästinenser nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer zu sehen und sich dann selbst ein Bild zu machen. Bruckhoff lud Yaron dazu ein, seine Präsentation zur Verfügung zu stellen und damit zu einer Fortschreibung und Ergänzung der Ausstellung beizutragen, die vielleicht letztlich zu einer ausgewogeneren Darstellung der Geschichte führen könne.

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