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Ray Charles blieb nicht ohne Wirkung

Lutz Felbick ist seit 50 Jahren Kirchenmusiker. Aber sein kulturelles Schaffen geht weit über dieses Genre hinaus.

Von Sabine Rother

Aachen 50 Jahre Kirchenmusik – Lutz Felbick, Jahrgang 1954, kann es selbst kaum glauben. „So ein Jubiläum ist seltsam“, meint er nachdenklich. „Ich bin heute viel entspannter als früher, ich kann alles genießen, was ich tue.“ Wenn er den Funken nennen soll, der den Sohn aus einer musikalischen Familie im Bergischen Land schließlich zu seinem Beruf geführt hat? „Eindeutig ist es der Jazz, der mich früh geprägt hat. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich Ray Charles in Köln erlebt, in einem Schulreferat habe ich über Jimi Hendrix geschrieben, das blieb nicht ohne Wirkung“, betont er. Was ihn begeistert: „Die Möglichkeiten der Improvisation, die Welten, die sich öffnen.“ Daheim hörte man die Beatles, die Mama spielte Klavier, Vater die Orgel, die Schwester Flöte, Felbicks Bruder arbeitete bald als Musik- und Sonderschullehrer.

Kantor der Dreifaltigkeitskirche

Annäherung an Musik war und ist gleichfalls für Felbick neben der künstlerischen Umsetzung ein soziales und pädagogisches Anliegen, das er mit Energie umsetzt. Als Kirchenmusiker – er war nach dem Studium in Düsseldorf 1982-1992 Kantor der Dreifaltigkeitskirche in Aachen – hat er es seinen Arbeitgebern nicht immer leicht gemacht.

Für Felbick besteht Musik mit und für Menschen stets aus dem Zweiklang von Freiheit und Disziplin. Da konnte er in der Durchsetzung streitbar sein – etwa bei einem Plakat zu einer Veranstaltung mit Musik und Märchen in der Kirche, die den indischen Gott Shiva zeigte, oder beim Auftritt des experimentellen österreichischen Dichter Ernst Jandl, der mit seinen Lautgedichten bei der Kirchenleitung für Befremden sorgte.

Experimentelle Ideen

Felbick hatte experimentelle Ideen, die weit über Kirchenfeste und das Kirchenjahr oder festliche Konzerte hinaus führten. Seine Konzertprogramme ließen im In- und Ausland aufhorchen. Dabei bildete die große Liebe zum Orgelwerk Johann Sebastian Bachs, das er komplett aufführte, einen wichtigen spirituellen Anker, der ihm bis heute Kraft gibt. Man lud ihn als Gastdozenten ein, unter anderem an die Schola Cantorum in Basel.

Über 170 Konzerte führten ihn in 15 Länder als Organist, Chor- und Orchesterleiter. Felbick gründete Chöre (heute leitet er noch den „Ohrchor“ und den Frauenchor), forschte zu Gehörbildung, Musiktherapie und Wahrnehmungspsychologie, ergänzte seit 1993 seine künstlerische Tätigkeit durch musikwissenschaftliche Arbeiten und Buchveröffentlichungen.

Den Blick in die Zukunft verbindet er mit der Begeisterung für die Vergangenheit, etwa in einem Werk zur Musikgeschichte Aachens, wo sich in der Karolingerzeit eine Menge getan hat. 2011 stellte er seine Promotion über den Bach-Schüler Lorenz Christoph Mizler fertig, mit dem ihn mehr verbindet, als die Leidenschaft zur Musik: Der Wille, über das Übliche hinauszuwachsen.

Ein Berufswunsch?

Kirchenmusiker als Berufswunsch? „Nicht von Anfang an“, gesteht Felbick. „Als freier Musiker sah ich keine Chance, überlegte kurz sogar, Toningenieur zu werden.“ Er wählte dann doch den konventionellen Weg und bewarb sich in Aachen. Wieder spielte der Jazz eine Rolle: Als Pfarrer Hans-Georg Holzkamp, damals Vorsitzender des Gesamtpresbyteriums, las, dass Felbick Unterricht bei Kurt Edelhagen, dem führenden Big-Band-Leader der 50er Jahre, genossen hatte, war er begeistert und interessiert. Felbick erhielt die Zusage und betreute ab sofort Immanuelkirche, Dreifaltigkeitskirche und Martin-Luther-Haus.

Der Jazzpianist und Chorleiter wollte mehr, fand im Aachener Saxophonisten Heribert Leuchter bald einen freundschaftlichen Gegenpart, wenn es darum geht, Orgel und Saxophon neue, weite Klänge zu entlocken, die Synthese von Jazz und Orgelmusik. Die neue CD mit Kompositionen der beiden ist gerade unter dem Titel „Windladen“ erschienen. Sie gehört zum Projekt „Jato – Jazz at the Organ“ das im Rahmen des von Felbick ins Leben gerufenen Festivals „Geöffnete Ohren“ seinen Auftakt hatte. „Mit der Klais-Orgel in der Kölner Trinitatiskirche fand sich ein inspirierender Aufnahmeort“, sagt Felbick. Kein Wunder. Es ist jene bedeutende Orgel, die ursprünglich in „seiner“ Dreifaltigkeitskirche erklang und 2009 im Zuge der Umwandlung von der Gemeinde- zur Jugendkirche verkauft wurde. Ein bewegendes Wiedersehen. Mit Ehefrau Claudia und der 13-jährigen Tochter Dana ist er glücklich, musiziert, komponiert, arbeitet als Buchautor und das Schönste: „Meine Tochter spielt schon richtig gut Orgel!“

(aus: AZ/AN v. 03.06.2021)

 

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