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Sechstklässler lernen „am anderen Ort“ in der Aachener Synagoge

Schüler*innen des Rhein-Maas-Gymnasiums besichtigen im evangelischen Religionsunterricht verschiedene Sakralbauten – Den Blick weiten und sich gegen Propaganda wehren können

Für die Schüler und Schülerinnen der sechsten Klasse begann der evangelische Religionsunterricht am Dienstag nicht wie üblich in ihrem Klassenraum im Rhein-Maas-Gymnasium, sondern auf dem Synagogenplatz in der Aachener Innenstadt. „Seht mal die große Fensterfront der Synagoge“, sagt Pfarrer Jochen Remy zu den Kindern, „dies ist einer der schönsten Sakralbauten in Aachen, und durch die großen Fenster soll man gut hineinschauen können, um zu sehen, was dort geschieht, und sich als Gast gleich willkommen fühlen.“ Für Pfarrer Remy, der am Rhein-Maas-Gymnasium das Fach evangelische Religion unterrichtet, ist die Begegnung mit anderen Religionen ein „fester Bestandteil des Unterrichtsprogramms in der sechsten Klasse“. Doch die Schülerinnen und Schüler sind an diesem Tag aufgeregt – wie die Synagoge wohl von innen aussieht, und wie soll man sich dort verhalten?

Viele Fragen beantwortet

Die Unsicherheit in der Besuchergruppe verfliegt aber schnell, als sie den jungen Studenten Daniel Tarchis kennenlernt, der an diesem Tag die Besichtigung leitet. Der 22-Jährige engagiert sich in der Jugendarbeit der jüdischen Gemeinde und führt oft Gruppen durch die Aachener Synagoge. „Ihr dürft mich alles fragen, auch zwischendurch“, sagt er zu den Kindern. Und Fragen haben diese selbstverständlich viele. Was man am Schabbat nicht darf, zum Beispiel, wie schwer eine Tora-Rolle ist, ob es schlimm ist, wenn einem in der Synagoge die Kippa vom Kopf rutscht, ob alle im Gottesdienst Hebräisch können müssen, oder auch, warum vor der Synagoge ein Polizeiauto steht. Daniel Tarchis beantwortet alle Fragen und erklärt noch viel mehr über die Synagoge und den jüdischen Glauben.

Neue Synagoge wurde 1995 eingeweiht

In Aachen wurde die erste Synagoge im Jahr 1839 am Hirschgraben eingeweiht. 1862 wurde dann die große Synagoge – damals im orientalisch-„maurischen“ Baustil - an der Promenadenstraße gebaut. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie niedergebrannt und völlig zerstört. Nur einige wenige Steine, die man heute in einem kleinen Innenhof sehen kann, seien damals gerettet worden, erklärte Daniel Tarchis. Nachdem 1957 zunächst ein Haus an der Oppenhoffallee umgebaut worden war, entstand dann die heutige Synagoge am ursprünglichen Platz und wurde 1995 eingeweiht. „Vor der Zerstörung 1938 hatte die jüdische Gemeinde in Aachen ungefähr 1.700 Mitglieder, nach dem zweiten Weltkrieg nur noch 50“, sagt Daniel Tarchis. „Heute sind es etwa 1.300, die meisten kommen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.“

Viele jüdische Jugendliche fahren zum "Jewrovision"-Wettbewerb

Den Schülerinnen und Schülern berichtet er außerdem von den jüdischen Feiertagen, vom Ablauf der jüdischen Gottesdienste, der Bedeutung der Stadt Jerusalem, den Rollen von Mann und Frau im jüdischen Glauben, aber auch vom „Jewrovision“ Gesangs- und Tanzwettbewerb, zu dem sich jedes Jahr viele Jugendliche treffen – die größte jährliche jüdische Veranstaltung Deutschlands.

Neues kennenlernen in authentischen Begegnungen

In der Unterrichtsreihe zu den verschiedenen Religionen ist diese Exkursion die erste, doch Jochen Remy möchte mit seiner Klasse auch noch eine Moschee, das buddhistische Zentrum und natürlich auch eine evangelische und eine katholische Kirche besuchen. „Es ist wichtig, nicht nur über etwas zu sprechen, sondern in authentischer Begegnung mit anderen Menschen“, meint er. „So können die Kinder ihren Blick weiten, Neues kennenlernen und sich gegen antisemitische und rassistische Propaganda wehren.“

(Text: C. Braun / Ev. Kirchenkreis Aachen)

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