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Ungewohnte Perspektiven und überraschende Einblicke

Die Ausstellung zu 1700 Jahre jüdischem Leben in Deutschland ist noch bis zum 18. September in der Citykirche zu sehen - Persönliche Eindrücke von Pfarrerin Sylvia Engels

Die Wanderausstellung „Menschen.Bilder.Orte“ des MiQua – des jüdischen Museums im archäologischen Quartier Köln des Landschaftsverbandes Rheinland – ist eines der Leuchtturmprojekte des Festjahres 2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. September in der Citykirche St. Nikolaus zu sehen und zeigt die ganze Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland durch die Jahrtausende. Sie umfasst die Geschichte von 321, dem Jahr des Ediktes des Kaisers Konstantin, der ersten urkundlichen Erwähnung der jüdischen Gemeinde zu Köln, bis in die Gegenwart. Diese christlich abendländische Geschichte ist immer wieder eine Geschichte von Pogromen und Vernichtung jüdischen Lebens vollstreckt von der christlichen Mehrheitsgesellschaft bis hin zum deutschen Zivilisationsbruchs der Shoah. Der Blick der Kuratorinnen der Ausstellung aber hebt auf dieser dunklen Landkarte die Licht-Inseln des Miteinanders von Juden und Christen, die Blüten jüdischen Geistes- und Kulturlebens und das kulturell vielfältige jüdische Leben heutiger Jüdinnen und Juden in Deutschland hervor.

Vier begehbare Kuben

Es wird nicht chronologisch-enzyklopädisch erzählt, sondern thematisch. Die vier begehbaren Kuben der Ausstellung behandeln die Themen: „Recht und Unrecht“, „Leben und Miteinander“, „Kunst und Kultur“ sowie „Religion und Geistesgeschichte“.

Anhand von Geschichten aus dem Alltag, von Biographien und besonderen Ereignissen werden die großen geschichtlichen Linien heruntergebrochen. Filme, Interviews und virtuelle Spaziergänge lassen jüdische Lebenswelten erlebbar werden.

Die Vielfalt jüdischen Lebens präsentieren und mit den eingefahrenen Vorstellungen von jüdischem Leben brechen – das vor allem wollen die vier Kuratorinnen mit der Ausstellung erreichen. Darum grüßt die Besucher*innen vom Kubus „Kunst und Kultur“ nicht nur der überlebensgroße Klarinettist Giora Feidmann, sondern ihm gegenüber auch Kobi Farhi, der Sänger der israelischen Heavy Metall Band „Orphaned Land“.

Darum erzählt die Ausstellung nicht nur von Pogromen und der Vernichtung jüdischen Lebens, sondern eben auch die Gegengeschichte vom überraschenden Miteinander im Alltag.

Jahrhundertelanges Nebeneinander

Da mitten im jüdischen Quartier des mittelalterlichen Köln, in einem Ensemble von Männer- und Frauensynagoge, von Lehrhaus, Mikwe, Hochzeitshaus, Hospital, von koscherer Fleischerei und koscherem Backhaus auch das Kölner Rathaus lag, erhielten die christlichen Ratsherren der Domstadt nur Zugang zu ihren Sitzungen, wenn die Tore des jüdischen Viertels geöffnet waren. Man musste sich christlicherseits also auf entsprechende Regelungen mit der jüdischen Gemeinde einigen.

Manche Christen, deren Häuser an das jüdische Viertel grenzten, beschwerten sich über ihre lauten jüdischen Nachbarn, die das Laubhüttenfest in ihren Gärten feierten. Die zuständigen Amtsmänner der Gemeinde von St. Laurens in Köln entschieden aber, dass die Christen den Lärm ihrer jüdischen Nachbarn hinzunehmen hätten, da das Laubhüttenfest gefeiert werden dürfe.

Überraschende Perspektiven

Überhaupt steckt jeder Kubus voller Überraschungen und ungewohnter Perspektiven. Napoleon war es, der für eine kurze Periode von 20 Jahren den Juden die bürgerliche Gleichstellung schenkte Doch um in den Genuss ihrer Rechte zu kommen, mussten die Juden seit 1808 feste Familiennamen annehmen. Man nannte sich nach Herkunftsorten: Isaak Offenbach, Samuel Warschauer, David Friedländer – oder erfand schöne Begriffe: Rosenthal, Wiesenthal, Stern, Lindenbaum. Mancher betonte positive Charaktereigenschaften – Lustig, Ehrlich, Gottlieb – oder man nannte sich nach Berufen: Biegeleisen, Meisl, Fleischmann.

„Schalom – Alaaf“ ist eine weitere Überraschung in dieser Ausstellung: Oder wussten Sie, dass es heute einen jüdischen Karnevalsverein in Köln gibt? Kölsche Kippa Köpp e.V. heißt er, gegründet 2017 und seine Hymne „Schalom Alaaf“ beginnt so: „En Pappnaas em Jesech, en Kippa om Kopp/ ob Chresss udder Judd hück simmer all beklopp…“.

Superman hat jüdische Wurzeln

Oder wussten Sie schon, dass in den Frankfurter Messehallen seit 2002 jährlich der europäische Gesangs- und Tanzwettbewerb „JEW- ROVISION“ – nachgebildet dem „Eurovision Songcontest“ – stattfindet? Tausende Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus jüdischen Gemeinden in ganz Europa nehmen daran mit ihren Darbietungen teil.

Oder wussten Sie, dass „Superman“ eine jüdische Erfindung ist, von Söhnen nach Amerika ausgewanderter osteuropäischer Juden, die ihre Comicfigur in den 30er Jahren gegen die Nazis kämpfen ließen?

Alle Vorstellungen über Jüdinnen und Juden, die sich immer noch in unseren Köpfen gehalten haben mögen, schmelzen dahin, wenn wir im Kubus „Kunst und Kultur“ jüdischen Schülerinnen und Schülern aus Köln zuhören können, wenn wir unvermittelt in ihre vertrauensvollen Kindergesichter schauen und ihren zahnspangenfrisch erzählten Geschichten vom „ganz normalen“ Alltag in Familie und Schule zuhören. 
Übrigens: Der Kubus im Altarraum „Religion und Geistesgeschichte“ lässt die Besucher*innen buchstäblich durch die Hände des Aaron Segens hindurchgehen…

Begleitet wird die Ausstellung (der Eintritt ist kostenlos) von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Konzerten und Diskussionen. Schalom!

Pfarrerin Sylvia Engels

Ansprechpartner:innen

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Sprecher des Vorstandes

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