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Vor 60 Jahren noch eine Ausnahme im „Männerberuf“

Pfarrerin im Ruhestand Veronika Poestges wurde am 16. November 1952 in Brandenburg ordiniert – 32 Jahre lang war sie Religionslehrerin am Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium – „Mit Jugendlichen die Fragen besprechen, die sie beschäftigen“

„Zum Glauben gekommen bin ich wohl schon vor meiner Geburt“, sagt Veronika Poestges und lacht verschmitzt. „Da habe ich doch auch schon den Gesang meiner Familie bei den Morgenandachten gehört. Ich konnte gar nicht anders!“ Doch dass die junge Pfarrerstochter aus der Mark Brandenburg dann auch selbst diesen „Männerberuf“ ergreifen würde, war früher alles andere als selbstverständlich. Vor 60 Jahren, am 16. November 1952, wurde sie in Dahme südlich von Berlin zur Pastorin ordiniert, auch wenn sie sich damals noch nicht so nennen durfte, sondern den Titel „Pfarr-Vikarin“ führen musste. In ihrer Heimat allerdings nahm man das aber nicht so genau, erinnert sich die heute 87-Jährige. „Die lernt auf Pastor“, hätten die Leute damals gesagt.

Aus der Partnergemeinde Forst (Lausitz) in die Kurstadt Aachen

Veronika Poestges ist die älteste Aachener Pfarrerin im Ruhestand und hat hier den größten Teil ihres Lebens verbracht. Aufgewachsen in der Lutherstadt Wittenberg und später angestellt im Ort Forst in der Lausitz war Veronika Poestges Mitte der 1950er Jahre zunächst nur widerwillig nach Aachen übergesiedelt, wie sie erzählt. Da Forst und Aachen Partnergemeinden waren, hatte sie die Möglichkeit, hier eine gesundheitlich notwendige Kur zu machen – und traf dabei ihren späteren Ehemann. „Der damalige Superintendent Fuhr suchte zu dieser Zeit Religionslehrer für die Aachener Schulen“, erinnertsiesich. So habe sie nach ihrer Heirat und dem Umzug nach Aachen begonnen, am Kaiser-Karls-Gymnasium zu arbeiten. „Bis in die siebziger Jahre waren die Sekretärin und ich die einzigen Frauen am KKG“, sagt sie. „Sonst gab es nur männliche Lehrer, und die Schüler waren auch alles Jungen.“

Sieben ehemalige Schüler und Schülerinnen studierten später selbst Theologie

Erst Mitte der siebziger Jahre wurden Pastorinnen in den evangelischen Landeskirchen ihren männlichen Kollegen gleichgestellt. Veronika Poestges blieb auch danach dem KKG treu und arbeitete dort 32 Jahre lang – bis sie 1990 mit 65 Jahren in den Ruhestand ging. „Ich habe unheimlich gerne mit den Jugendlichen im Religionsunterricht gearbeitet, denn die stellen Dinge infrage, die ich selbst auch anzweifle“, sagt sie. „Man muss ihre Fragen ernst nehmen und ihre Mentalität treffen, dann haben wir als Kirche auch einen Zugang zu ihnen.“ Sie selbst, so sagt sie, sei durch die Persönlichkeit einer Diakonin aus ihrer Heimatgemeinde und durch den Bibelkreis, den diese trotz des Verbotes in der Nazizeit heimlich leitete, in ihrer Jugend entscheidend im Glauben geprägt worden. Nach ihrer Ordination war Frau Poestges zunächst selbst Jugendpfarrerin. Sieben ihrer ehemaligen Schüler und Schülerinnen studierten später Theologie. Auch heute noch verfolge sie aufmerksam die Entwicklungen in Aachen, zum Beispiel die derzeit laufende Testphase der neuen Jugendkirche. „Man muss mit den Jugendlichen das besprechen, was sie beschäftigt“, meintV.Poestges. „Ich glaube nicht, dass Jugendliche wegen der Musik, die jetzt in der Dreifaltigkeitskirche gespielt wird, auch in einen Gottesdienst gehen.“

Tägliche Lektüre der Bibel seit dem zehnten Lebensjahr

Nach ihrem Eintritt in den Ruhestand engagierte die Pastorin sich weiterhin sehr für ihre Kirchengemeinde, zum Beispiel für den Weltgebetstag und im Besuchsdienst, in der Sprechzeit der Citykirche, im christlich-islamischen Frauengespräch und dem Austragen des Gemeindebriefs. Aufgrund ihres Alters hat sie sich inzwischen größtenteils aus diesen Tätigkeiten zurückgezogen. Wichtig sei ihr aber nach wie vor, jeden Tag in der Bibel zu lesen. „Das mache ich seit meinem zehnten Lebensjahr“, sagt sie. Für ihr Leben bedeutsame Bibelstellen seien immer wieder andere. Über die Jahre aber sei ihr eine Sentenz aus den Bekenntnissen des Augustinus immer besonders wichtig geblieben: „Cor nostrum inquietum est donec requiescat in te, Domine.“ („Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, o Herr.“)

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Link zu einem Porträt von Pfarrerin i.R. Veronika Poestges zum 50. Ordinationsjubiläum

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