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Wozu ist Kirche noch da?

Interview mit Hans-Peter Bruckhoff, Superintendent des Kirchenkreises Aachen


Wozu ist Kirche heute eigentlich noch da?

Kirche – das ist ein starkes Stück Gemeinschaft
Die Erfahrung der Corona-Pandemie, die furchtbare Flutkatastrophe im letzten Jahr, die einige von uns hautnah erlebt haben in der Nacht vom 14. auf den 15.Juli und seit dem 24. Februar der schreckliche Krieg in der Ukraine mit all seinen Folgen – all das fordert uns heraus, bringt uns an die Grenzen und zeigt uns, dass wir unser Leben und unsere Welt nicht im Griff haben.
Das ist jetzt nicht die Zeit um aufzugeben, sich allein durchzuschlagen oder zu verzweifeln. In unseren Gemeinden schaffen viele engagierte ChristInnen Räume der Begegnung und der Ermutigung. Menschen können sich in unseren Gemeinden mit ihren Ängsten und Belastungen treffen und finden hier Hilfe. Ganz konkret geschieht zurzeit sehr viel in unserer Diakonie und in unseren Gemeinden für die Menschen, die zu uns flüchten vor Krieg und Terror – nicht nur aus der Ukraine!


Was kann Kirche denn beitragen in diesen Zeiten der Veränderung und des Umbruches?

Kirche – lebt von einer tragfähigen Hoffnung
Vom Evangelium her ist Kritik am allgeeinen Wachstumsmodell angesagt, das von vielen als etwas Naturgegebenes und damit quasi als Schöpfungsordnung angesehen wird. Dieses Wachstumsmodell ist verantwortlich für die Zerstörung der Natur und die Verelendung vieler Menschen. Biblisch begründete Ökonomie soll dagegen Lebensgrundlagen und -möglichkeiten für alle schaffen, als eine Ökonomie des Genug! Genug für alle Menschen und zum Erhalt der ganzen Schöpfung. Wir vertrauen neu darauf, die falschen Wege verlassen zu können, weil Gott uns ruft. Im Evangelium ruft Jesus uns mit dem Hinweis auf das nahe Reich Gottes zur Umkehr:„Erfüllt ist die Zeit, und nahe gekommen ist das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“. (Mk 1,15)
Umkehr beinhaltet die Umkehr zu einem einfachen Lebensstil. In der Gemeinschaft unserer Gemeinden können wir gemeinsam herausfinden, wie der Umbau zu einer gerechteren Gesellschaft gelingen kann, an der alle teilnehmen und teilhaben können.

 

Wo steht Kirche mit ihrer Friedensbotschaft angesichts der grauenhaften Entwicklung im Ukraine-Krieg?

Kirche – bleibt auf dem Weg des gerechten Friedens
„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“ – die klare Botschaft der 1. Vollversammlung des Weltkirchenrates in Amsterdam 1948 hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Wir bleiben als Kirche dem Weg des gerechten Friedens, dem Weg der Verständigung, der Überwindung von Gewalt und dem Interessensausgleich verpflichtet. Insbesondere ist es unsere Christenpflicht, die Stimme für die Opfer jeder kriegerischen Handlung zu erheben und aus ehrlicher Sorge die Gewissen zu schärfen. Die diplomatischen und politischen Bemühungen dürfen nicht nachlassen. Wir denken – auch im Gebet – an die Leidtragenden und an alle die, die jetzt politisch und militärisch Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen und ausführen müssen. An vielen Orten in unseren Gemeinden und Kirchen versammeln sich Christinnen und Christen zu Gottesdienst und Fürbitte für die Kriegsopfer und ihr Leiden. Zugleich sind wir alle gemeinsam zu tatkräftiger Hilfe und diakonischer Unterstützung für die betroffenen Menschen herausgefordert.

 

Worin besteht die Stärke der christlichen Botschaft? Inwiefern macht Kirche einen Unterschied?

Kirche – erzählt von einer tiefen Dimension des Lebens und vom Geheimnis der Welt
Die Gottheit Gottes und die Menschheit des Menschen hängen aufs Engste zusammen. Der erste und wichtigste Beitrag, den die Kirchen in der Gesellschaft leisten sollen und können, ist die klare und öffentliche Verkündigung des Evangeliums und die Bildung christlicher Gemeinschaft. Die Menschheit des Menschen ist nicht eine Sache, die sich selbst erhält, der Mensch kann aufhören Mensch zu sein. Wir erleben die Bestialität des Menschen in den Kriegsverbrechen im Ukraine-Krieg und den Unmenschlichkeiten an vielen Stellen der Erde. Kirche ist kein Selbstzweck. Kirche ist da, wo sie Kirche für die Welt ist. Kirche hat eine dienende und hinweisende Aufgabe. Der Sinn des Evangeliums ist, dass Gott seine Ehre darin sucht und findet, nicht bei sich zu bleiben über den Wolken, sondern in der Menschwerdung Jesu Christi mitten in seiner Schöpfung das Leben in all seinen Untiefen durchzumachen und darin die Menschlichkeit des Menschen zu bewahren. Wo wir an uns und an der Zukunft und unserem Versagen verzweifeln, ist es die Möglichkeit Gottes, dass er uns und unsere Menschlichkeit nicht aufgibt.

 

Wie glaubwürdig ist Kirche heute – angesichts der Skandale um Missbrauch und der wachsenden Austrittszahlen?

Kirche – befreit zur Freiheit der Kinder Gottes
Die Freiheit des Menschen ist nicht darin begründet, dass der Mensch gegenüber der Welt frei ist, sondern dass er sich selbst gegenüber frei ist.
Die Kirche ist nicht darin glaubwürdig, dass sich in ihr besonders fehlerfreie und perfekte Menschen versammeln. Die evangelische Kirche hat in der Reformation eine andere Erkenntnis in die Mitte des eigenen Selbstverständnisses gerückt: Wir verstehen uns als Gemeinschaft der aus Glauben gerechtfertigten Sünder. Weil Gott uns immer wieder neu vergibt und beauftragt, suchen wir gemeinsam den Weg der Nachfolge. Daraus haben wir politisch und strukturell Konsequenzen gezogen. Auf allen Ebenen beraten nicht einzelne Männer, Bischöfe und Berufschristen, sondern jeweils eine Gemeinschaft von Frauen und Männern in den Presbyterien, Vorständen und Synoden.
Zugleich hat aber schon Martin Luther darauf hingewiesen, dass die Kirche derReformation ständig reformiert werden muss vom guten Geist und seinem Wort.
In unserem Kirchenkreis sind wir unterwegs in der Frage der Partizipation der jungen Generation am Leben und Leiten unserer Kirche und an der Frage, wie offen wir wirklich sind für ganz unterschiedliche Menschen, Milieus und Herkünfte. Weil Gott uns etwas zutraut und in Treue an uns festhält,obwohl er uns auch mit unseren Schattenseiten kennt, können wir Vertrauen fassen und miteinander bewähren.

Hanns Dieter Hüsch hat dies in seiner poetischen Sprache in einer Nachdichtung des 23. Psalms so ausgedrückt:
Ich bin vergnügt – erlöst – befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen.
Mein Triumphieren und Verzagen
das Elend und die Zärtlichkeit.
Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich?
Ich sing` und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich`
Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
will mich durchs Leben tragen.
Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält,
weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Das Interview führte Maike Scholz.

(Auszug aus Gemeindebrief Nr. 221, 07-09/2022)

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