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Seit 30 Jahren Flüchtlingshilfe mit Leidenschaft und Herz

Junge Sängerinnen rühren viele Gäste des Jubiläums-Gottesdienstes im Lukas-Gemeindezentrum zu Tränen - Pfingstwort in acht Sprachen - Mosaike und Samen drücken Wunsch nach Frieden aus

„Pfingsten bedeutet: Gottes Volk kennt keine Fremden“, sagte Pfarrer Frank Ungerathen in seiner Begrüßung. Und es hätte keinen besseren Tag geben können, als den Pfingstsonntag, um das 30-jährige Bestehen der evangelischen Flüchtlingsberatung mit einem Gottesdienst und anschließendem Fest im Lukas-Gemeindezentrum in Herzogenrath-Kohlscheid zu feiern. Alle, die sich in dieser Zeit für Geflüchtete aus aller Welt engagiert haben und es aktuell tun, sei es ehrenamtlich oder von Berufs wegen, tun dies mit viel Leidenschaft und Herz. „Flüchtlinge sind keine passive Verwaltungsmasse, sondern lebendige Menschen wie wir“, brachte es Raquel Barros, die aktuelle Leiterin der Flüchtlingsberatungsstelle, in ihren einführenden Worten zu Beginn Gottesdienst auf den Punkt. Sie sei noch nicht lange dabei, aber sie habe diese Stelle übernommen, weil sie begeistert sei von der Flüchtlingsarbeit in Herzogenrath. Das gelte besonders für die Arbeit der Ehrenamtlichen im Arbeitskreis Flüchtlingshilfe. Der Einsatz aller, die sich für Geflüchtete einsetzen, sei auch ein politischer und das gehe nur mit Herz.

Bereichernde Vielfalt wird im Gottesdienst vielfach spürbar

Vielfalt sei eine Gabe Gottes und Gottes Vielfalt verbinde, hatte Frank Ungerathen zu Beginn gesagt und diese bereichernde Vielfalt wurde an vielen Stellen des Gottesdienstes spürbar. Sei es bei den Dankgebeten, die Familien aus dem Iran sprachen und, die deutlich machten, welch hohes Gut es ist, in Freiheit und ohne Angst leben zu können oder in den Musikbeiträgen zweier junger Mädchen und einer jungen Frau aus der Ukraine, die Leonard Cohens „Halleluja“ auf ukrainisch sowie ein ukrainisches Lied „Blume – Seele“ vortrugen und nicht wenige zu Tränen rührten.

Zur Lesung gab es zwei Texte zum Schutz der Flüchtlinge, einen aus der hebräischen Bibel, einen aus dem Koran. Besonders deutlich wurde die Bedeutung des Pfingstfestes bei der Lesung über das Pfingstwunder aus der Apostelgeschichte, vorgetragen in acht Sprachen.

"Schöner kann man das Pfingstwort nicht sprechen"

„Schöner kann man das Pfingstwort nicht sprechen“, befand Superintendent Hans-Peter Bruckhoff, der die Predigt hielt. Die Sprache des lebendigen Glaubens und des Geistes Gottes sei international. Die Flüchtlingshilfe leiste seit 30 Jahren erfolgreiche und wertvolle Arbeit, die in diese Zeit aber deswegen nicht weniger geworden sei. Es gebe noch immer Krisen und Katastrophen, ebenso wie Fremdenfeindlichkeit und noch hätten die Mitarbeitenden der Flüchtlingshilfe die Asylgesetzgebung nicht ändern könne, doch sie gäben nicht auf. Sein Dank galt, wie der so vieler an diesem Tag, allen, die seit drei Jahrzehnten Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und in Herzogenrath Zuflucht gefunden, auf ihrem Lebensweg begleiten.

Ein weiterer roter Faden, der sich durch den Tag zog, war der Wunsch nach Frieden. Als Dankeschön der Flüchtlingsberatungsstelle gab es für alle Gottesdienstbesuchenden Samentütchen, um symbolisch Frieden zu säen.

Bei der Feier steht die Begegnung im Mittelpunkt

Die internationale Frauengruppe hatte sich eine kreative Mitmach-Aktion überlegt, um gemeinsam mit den Gästen etwas zu schaffen, das über den Tag hinausgeht. Aus Mosaiksteinen entstanden zwölf Tafeln mit dem Wort Friede in zwölf Sprachen (deutsch, niederländisch, englisch, französisch, türkisch, ukrainisch, persisch, portugiesisch, koreanisch, arabisch, nigerianisch vom Stamm der Ibu und hebräisch), die zusammen einen Regenbogen ergeben. Daneben stand bei der Feier im Anschluss an den Gottesdienst vor allem die Begegnung im Mittelpunkt, zwischen ehemaligen und aktuellen Ehrenamtlichen, Hauptamtlichen und Menschen, denen die Flüchtlingshilfe in den vergangenen 30 Jahren geholfen hat, hier Heimat zu finden. Dazu gab es reichlich zu Essen. Ein Hingucker zwischen all den herzhaften und süßen Speisen des internationalen Buffetts, war dabei eine Geburtstagstorte, die eine der Ukrainerinnen der Flüchtlingshilfe nach einem Rezept aus ihrer Heimat gebacken hatte.

Ehrenamtliche wollten dem Fremdenhass keine Chance geben

Hervorgegangen ist die Flüchtlingsberatung 1993 aus dem bereits 1986 entstandenen ökumenischen Arbeitskreis gegen Fremdenfeindlichkeit in Herzogenrath. Eine unruhige und hitzige Zeit sei das damals gewesen, erinnerten Pfarrer Frank Ungerathen und Superintendent Hans-Peter Bruckhoff daran, dass mit den Geflüchteten, die nach Deutschland und in die Region kamen, auch der Fremdenhass sein menschenverachtendes Gesicht zeigte. In dieser Zeit hätten Menschen das Gefühl gehabt, „da muss etwas passieren“. Eine, die das hautnah miterlebt hat, ist Pfarrerin Bettina Donath-Kreß. Sie war zwischen 1988 und 1990 Vikarin und dann bis 1994 Pfarrerin im Hilfsdienst und später im Sonderdienst in der Lukas-Gemeinde in Herzogenrath-Kohlscheid. Die Frau eines ehemaligen Presbyters habe sie auf den Arbeitskreis gegen Fremdenfeindlichkeit und seine Arbeit aufmerksam gemacht. „So kam ich zu diesem tollen Kreis hinzu, der neben dem Engagement im Flüchtlingswohnheim auf dem ehemaligen Fabrikgelände an der Weststraße und in den Wohnungen der Flüchtlinge, auch jede Woche in das damals neue Bürgerhaus in der Oststraße einlud.“ Das Engagement beeindruckt sie sehr: „Es umfasste Hilfsangebote für alle Lebensfragen – Wohnungs- und Arbeitssuche, Sprachkurse, Beschulung der Kinder, Asylverfahren… – und war von einer tiefen persönlichen Bindung zu den Geflüchteten, vor allem den Familien, geprägt“, erinnert sie sich. Von Anfang an sei den Ehrenamtlichen bewusst gewesen, dass es als Ergänzung eine professionelle Beratung brauche. Der damalige Pfarrer und Superintendent Jürgen Bath schaffte die finanzielle Voraussetzung für die Einrichtung einer Flüchtlingsberatungsstelle in Herzogenrath-Kohlscheid.

Geflüchtete mit Taschen voller Infomaterial und Wörterbüchern besucht

Die erste hauptamtliche Kraft, die hier für 14 Jahre tätig war, war Heike Keßler-Wiertz, heute Vorständin des Diakonischen Werks, das inzwischen neben der Lydia-Gemeinde Herzogenrath Träger der Flüchtlingsberatung in Herzogenrath ist. Sie hat die Zeit als „eine eindrucksvolle, prägende, bewegende und bewegte Zeit mit vielen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen“ erlebt, in denen sie viele hundert Menschen aus allen Ländern dieser Welt habe kennenlernen dürfen. Anfangs habe sie sich das Büro mit der damaligen Jugendreferentin geteilt, sie vormittags, um Beratung anbieten zu können, die Kollegin nachmittags. „Am Nachmittag besuchte ich die Flüchtlinge in den Unterkünften mit einer Tasche voller Infomaterial und Wörterbücher. Oft in Begleitung von Ehrenamtlichen.“ Die Menschen dort seien damals vor allem aus Sri Lanka, Afghanistan, Nigeria oder der Demokratischen Republik Kongo gewesen. Neben rechtlichen hätten viele psychosoziale Fragen im Fokus gestanden, außerdem sprachliche Barrieren zu überwinden sowie die Ein- und Anbindung an soziale Infrastrukturen zu gestalten, blickt sie zurück. Vieles davon ist auch heute nicht viel anders. Die Heimatländer der Geflüchteten haben sich verändert.

Aktuell größte Gruppe von Geflüchteten aus der Ukraine

Aktuell sind Menschen aus der Ukraine die größte Gruppe, berichtet Pfarrer Frank Ungerathen, der die zurzeit 50 Ehrenamtlichen im Arbeitskreis Flüchtlingshilfe begleitet. Weitere Menschen, die sie betreuen kommen aus dem Iran, Irak, Afghanistan, Pakistan, Syrien, Türkei, Nigeria, Senegal und Eritrea. Sie alle brauchen mal mehr, mal weniger intensive Hilfestellung und Unterstützung, um hier nicht nur zurechtzukommen, mit Bürokratie, Behörden und deutscher Kultur, sondern um sich ein Leben aufzubauen. Besonders die Geflüchteten aus der Ukraine brächten eine unglaubliche Energie mit, seien hochmotiviert die Sprache zu lernen. Es gebe immer noch elf Sprachkurse. Dazu zwei Ukraine-Cafés und ein Whatsapp-Netzwerk, über das sie sich vernetzten und Informationen in ukrainisch austauschten. Möglich ist all das durch eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt Herzogenrath und dem Zusammenspiel aus professioneller Beratung und ehrenamtlicher Betreuung und Begleitung. Darin und im Herz, das alle einbrächten, liege der Schlüssel zum Erfolg der Flüchtlingsberatung, sagt Frank Ungerathen.

(Text: Andrea Thomas)

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