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Vom Wunsch nach einem ganz normalen Leben

Anlässlich des bundesweiten Aktionstags der Suchtberatung unter dem Motto "Wieso? Weshalb? Darum!" am 9. November geben wir diese Woche Einblicke in die Arbeit unserer Suchthilfe.

Unsere Redakteurin Josephine Vossen hat dazu das Café Baustein in Alsdorf besucht.

Vom Wunsch nach einem ganz normalen Leben

Im Café Baustein treffen sich täglich Menschen mit Suchterkrankung zum Frühstücken, Wäsche waschen und austauschen. Für sie ist das Café ein Schutzraum, in dem die Mitarbeitenden sie so annehmen, wie sie sind.

Stolz zeigt Alina* ihren neuen Gürtel. 1,15 Euro hat er gekostet und ist schwarz mit einer goldenen Schnalle. Schick finden ihn die anderen Besucher des Café Baustein und auch die Mitarbeitenden. Marcel Bermes von der Suchthilfe der Diakonie hilft noch dabei, ein Loch ins Material zu stechen, damit der Gürtel besser sitzt. Glücklich erzählt Alina von ihrem Ausflug nach Aachen, wo sie den Gürtel gefunden hat und schon länger nicht mehr war. Einen großen Bogen hat sie um den Kaiserplatz, einen bekannten Umschlagplatz für Drogen, gemacht. Denn seit drei Wochen ist sie weg vom Heroin. „Ich will auch die Substitution weiter runterpegeln“, erklärt die 28-Jährige. Auf die Frage, was ihr Ziel sei, antwortet sie: „Weg von dem ganzen Scheiß. Einfach ein ganz normales Mädchen sein, das morgens aufwacht.“

Die Suchterkrankung klar reflektiert

Auch Heinz* ist zum Frühstücken ins Café gekommen. Für einen Euro erhält er hier ein komplettes Frühstück. Seit nun mehr fünf Jahren kommt Heinz fast täglich ins Café, es ist zu einem festen Bestandteil seines Alltags geworden: morgens geht er als erstes zum Arzt, um seine Substitution zu erhalten, danach kommt er ins Café, geht mit seinem Hund Gassi und nimmt nachmittags an verschiedenen Freizeitgruppen der Suchthilfe teil. Abends, nachdem er zuhause das Essen gekocht hat, macht er Diamond Painting, eine Arzt Mal nach Zahlen, weil ihn das beruhigt, wie er sagt. Der 53-Jährige wirkt ausgeglichen und frühstückt in Ruhe. Seine Suchterkrankung hat er für sich klar reflektiert. Über Freunde ist er als junger Mann zu den Drogen gekommen. Männlich wollte er wirken. „Rückblickend kann ich sagen, dass ich die Drogen genommen habe, um meine Sexualität zu unterdrücken und vor den anderen zu verheimlichen.“ Mit Amphetaminen hat der heute offen Schwule damals angefangen. „Ich konnte mich als junger Mann nicht outen. Das war eine andere Zeit damals in den 80ern.“
Nach dem frühen Tod seiner Mutter vor fast 20 Jahren kam Heinz zum Heroin. Seitdem hat der gelernte Berufskraftfahrer drei Therapien gemacht. Doch Trennungen und andere Schicksalsschläge ließen ihn rückfällig werden. Ähnlich wie Alina wünscht er sich ein fast konservatives Leben: „Mann, Hund, Haus und Garten. Nicht viel Geld, nur so viel, dass man zufrieden leben kann.“ Der erste Schritt zu diesem Ziel ist für Heinz, den Beikonsum einzustellen. Dass bedeutet, dass er neben seiner ärztlich verschriebenen Dosis Methadon keine anderen Drogen mehr konsumiert.

Niemand urteilt

Über ihren Konsum zu sprechen fällt Alina und Heinz leicht, genauso wie über alle andere Dinge, die sie gerade beschäftigen: Beziehungsprobleme, Briefe von den Behörden oder ihre Hunde; die Mitarbeitenden des Café Baustein sind ganz nah dran am Alltag ihrer Besucherinnen und Besucher. Sie urteilen nicht, sie sind einfach da. Helfen bei Fragen, sind Bezugspersonen und nehmen die Hilfesuchenden so an, wie sie sind. Und so hat sich Alina in der Zwischenzeit mit einer der Mitarbeiterinnen zurückgezogen, um in Ruhe sprechen zu können. Heinz frühstückt derweil noch zu Ende. Das Café Baustein hilft ihm dabei sich abzulenken vom Suchtdruck, wie er es nennt. Denn die Substitutionen, die er und die meisten hier bekommen, helfen zwar bei den körperlichen Beschwerden, doch auch die Psyche muss mitspielen, um von den Drogen wegzukommen.

Den eigenen Weg finden

Dass die Suchterkrankten ihren Konsum komplett einstellen, ist nicht immer der Fall. „Einige schaffen den Sprung. Sie sehen wir dann tatsächlich meistens nicht wieder,“ erklärt Marcel Bermes. Zu groß ist die Sorge derer, die es geschafft haben, durch den Kontakt zu den alten Bekannten rückfällig zu werden. Obgleich sie ihren alten Wegbegleitern auch ein Vorbild sind. „Es ermutigt einen schon, wenn man denkt ‚Mensch, der hat es jetzt geschafft‘“, findet Heinz. Doch der Wille allein ist nicht das, woran es Heinz mangelt. Immer wieder führen Schicksalsschläge dazu, dass er mit Heroin seine negativen Stimmungen betäubt, wie er sagt. Zuletzt musste er sich einer komplizierten Rückenoperation unterziehen. Gepaart mit seiner Suchterkrankung bedeutete dies für ihn Frührente. „Das wollte ich auf keinen Fall. Ich hatte die große Hoffnung, dass ich eines Tages wieder auf dem Arbeitsmarkt lande.“ Diese Hoffnung wurde mit dem Antrag auf Rente nun beendet. Und so versucht Heinz, wie alle anderen, die das Café Baustein besuchen, seinen Weg zu finden. Immer wieder aufs Neue.

*Name geändert

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